vorwort von schlangenbrut 113/114: schweigen
Schweigen
„Solange man selbst redet, erfährt man nichts.“ Marie von Ebner-Eschenbach (1839-1916)
Dieser Satz deutet an, dass Schweigen neue Räume eröffnet: Um einer Person zuzuhören und sich für sie zu öffnen, aber auch, um für sich selbst eine innere Stille zu ermöglichen und so Neues über sich selbst zu erfahren. Schweigen und Stille können Orte der Gottesbegegnung sein – über die zu sprechen wiederum schwer fallen kann. Der Faszination des Schweigens widmet sich diese Ausgabe der Schlangenbrut.
Schweigen ist jedoch ambivalent, denn es kann auch tabuisierte und schmerzhafte Erfahrungen verdecken. Dann ist es erforderlich, das Schweigen zu brechen – eines der ersten und wichtigsten Themen feministischer Theologie. Mit dem gefährlichen und lähmenden Schweigen befasst sich daher der erste Teil dieser Schlangenbrut-Doppelnummer.
Ulrike Bail zeigt anhand der Geschichte von der Vergewaltigung Tamars, wie die Bibel mit der viel zu oft verschwiegenen sexuellen Gewalt gegen Frauen und Mädchen umgeht. Dem Schweigen von Töchtern, deren Väter im zweiten Weltkrieg starben, widmet sich Barbara Stambolis. Sie beschreibt das Schicksal der Frauen, die sich in einem mühsamen Prozess der Auf-arbeitung befinden und z. T. erst heute über ihre Gefühle sprechen können. Aus eigener Erfahrung schildert Juliana Claassens verschiedene Funktionen von Schweigen im Südafrika der Apartheid. Sie beschreibt die Folgen, die das Schweigen der weißen Frauen für die südafrikanische Gesellschaft hatte, aber auch die damaligen Möglichkeiten, durch Schweigen Widerstand zu leisten.
Vom unfreiwilligen Schweigen handelt der Beitrag über ein „Leben mit Aphasie“, d.h. erworbener Sprachstörung, von Britta Hoffmann. Sie stellt ein Krankheitsbild vor, dem viele Menschen nur mit Hilflosigkeit und weiterem Schweigen begegnen können. Meist mit Schweigen behaftet ist auch die Aussicht des eigenen Todes oder des Todes anderer. Juliane Brumberg sprach mit Ernie Kutter, die ein Buch über die frauenspezifischen Aspekte des Umgangs mit dem Tod geschrieben hat.
Auf den darauffolgenden Seiten haben wir bewusst Raum für eigene Gedanken zum Thema gelassen. Die leere Seite soll die Wortlosigkeit von Schweigen symbolisieren, auf die vielen (zum Glück oder leider) ungesagten Worte und nicht angesprochenen Themen verweisen.
Mit den angenehmen und bereichernden Seiten des Schweigens befassen sich die nun folgenden Texte: Ilona Biendarra beschreibt die Bedeutung eines klösterlichen Lebens in der Welt für die „Mystikerin der Straße“ Madeleine Delbrêl. „Stille ist eben nicht so still“, sagt die 80jährige Theologin Maria Kassel im Interview mit Anne Kruse und erzählt von ihrem Weg zur Tiefenpsychologie sowie der Bedeutung des Schweigens und der Stille für Kirche und Theologie. Claudia Benthien untersucht danach geschlechtsspezifische Blicke auf das Schweigen im Barock: die Verurteilung weiblicher Schwatzhaftigkeit und die Sexualisierung des weiblichen Sprechens, aber auch die Repräsentationen weiblichen Schweigens in Gestalt antiker Göttinnen.
Über die Erfahrungen von Frauen mit Schweigen im meditativen Tanz schreibt Beatrice Grimm, die als Tanz- und Kontemplationslehrerin die spirituelle Dimension des Schweigens vermittelt.
Als Praxisbeispiel für einen Ort des Schweigens stellt Irmgard Nauck die „Kirche der Stille“ in Hamburg-Altona vor. Die Bilder zum Schwerpunkt zeigen ebenfalls Orte der Stille und Meditation, begehbare Labyrinthe, die zur schweigenden Erkundung einladen. Und zum Abschluss zeigt die Bibliographie, dass selbst über das Schweigen viele Worte gemacht werden können.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß – ob bei „stiller Lektüre“ oder angeregter Diskussion – mit unserem neuen dicken Doppelheft!
Vanessa Görtz/Aurica Nutt








