vorwort von schlangenbrut 105: mächte und gewalten
Anfang April sind wir im Endspurt für unser „Mächte und Gewalten“-Heft – und in London tagen die Vertreter der G 20 Staaten zur globalen Finanzkrise. Dort konzentriert sich die Macht des Kapitalismus, denn sie repräsentieren fast 90 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft und rund 80 Prozent des Welthandels. Am Ende beschließen sie am Konferenztisch, zusätzlich 1,1 Billionen US-Dollar zur Krisenbekämpfung bereitzustellen. Das Gros der 350 Milliarden, die sofort aufgebracht werden sollen, werden über die bewährten/ umstrittenen Institutionen, über die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF), verteilt. Das globalisierungskritische Netzwerk attac kommentiert: „Die Mächtigen geben zwar viel Geld an den IWF, aber nichts von ihrer Macht ab.“
In unseren Schwerpunktbeiträgen fragen wir nach Mächten und Gewalten, denen Frauen im Zusammenhang der globalisierten Märkte und Strukturen begegnen, welchen Rollen ihnen in transnationalen Produktionsverhältnissen und Arbeitsstrukturen zukommen und wie sie Ermächtigung erfahren können. Wir fragen weiter nach christlichen Perspektiven auf diese Strukturen und nach religiösen Optionen, mit den Gewalten und Mächten der (globalisierten) Welt umzugehen. Wir stellen Frauen vor, die sich engagieren im Kampf gegen ungerechte Machtstrukturen und deren Auswirkungen. Hier verzahnen sich Politik und Theologie, wirtschaftliche und religiöse Fragen.
Was bedeutet die aktuelle Finanzkrise für Frauen, die den „Mächten und Gewalten“ des globalen Markts unterworfen sind? Einführend zeichnet Christa Wichterich ein Bild der aktuellen Lage. „Die Globalisierung beschleunigt wie eine Drehtür den Zugang von Frauen zu Jobs und schleudert sie auch wieder heraus“, so die These der Autorin, die die zunehmende Feminisierung der Beschäftigung / zunehmende Frauenerwerbstätigkeit als „Integration ohne Gerechtigkeit“ kritisch untersucht. Einen konkreten Einblick in Macht- und Ohnmachtsverhältnisse gibt Dagmar Vinz. In ihrem Beitrag veranschaulicht sie die Arbeitsbedingungen von Frauen in den globalen Lieferketten und geht der Frage nach, warum Frauen in der Obst- und Gemüseproduktion besonders gefragt sind.
In fast allen Ländern des Südens ist die finanzielle Situation vieler Frauen doppelt schwierig: Einerseits betrifft sie die Armut des Landes generell, andererseits sind sie aufgrund patriarchalischer Traditionen benachteiligt. Ein wirksamer Weg, um Frauen im ökonomischen Bereich zu ermächtigen, stellt die Vergabe von Mikrokrediten dar. Ursula Thomé sprach mit Dr. Victoria Kisyombe über die erfolgreiche Arbeit von SELFINA, der tansanischen Mikrofinanzorganisation, die sich mit Mikrokrediten und Mikroleasing ausschließlich an Frauen richtet und so der „Globalisierung ein menschliches Gesicht verleiht“. Um Mitgestaltungsmacht für Frauen auf politischer Ebene geht es in dem Artikel von Nouria Ali-Tani. Wie können politische Abläufe transformiert werden, so dass Macht immer mehr geschlechtergerecht verteilt ist? Die Autorin eröffnet Einblicke in Strukturen unterschiedlichster geopolitischer Kontexte.
Den Blick auf biblischen Perspektiven des Themas richtet Claudia Janssen. In ihrem Artikel über Mächte und Gewalten im Brief an die Gemeinde in Rom beleuchtet sie die sozialgeschichtlichen, gesellschaftlichen, religiösen und politischen Strukturen der Gemeinde in Rom zur Zeit des Paulus. In dem Brief an die RömerInnen werden die Gewaltstrukturen, die hamartia (Sündenherrschaft) und der thanatos (Todesmacht), offen gelegt und die Tora als Weisung Gottes und Christus, der Erlöser als Überwindung der strukturellen Sünde und Gewalt aufgeführt und gezeigt, dass die Tora als Weisung Gottes und „Christus, der Retter“ strukturelle Sünde und Gewalterfahrungen lösen und überwinden können. Mächte und Gewalten auf dem afrikanischen Kontext sind für Amélé Ekué bis heute in den Auswirkungen von Sklaverei, Kolonialismus und Mission abzu lesen. Eine Möglichkeit, diese zu bearbeiten und so die Würde der Menschen wieder zu beleben, sieht sie in der Anknüpfung an die „Schwäche und Verletzlichkeit Jesu“. Friederike Kunze sieht ihren christlichen Auftrag darin „Ungerechtigkeiten, in und mit denen ich lebe“ nicht auszublenden, sondern „sie zu entlarven und dort zu ändern […], wo ich kann“. Sie erzählt von ihrer Motivation, sich bei Pax Christi zu engagieren. Auf das gesamtkirchliche Engagement und auf erfolgreiche Projekte wie die Ausstellung „Rosen straße 76“ im Zusammenhang mit der „Ökumenischen Dekade zur Überwindung der Gewalt 2001-2010“ schaut Mechthild Gunkel. Sie fragt: „Wussten wir, dass wir so viele sind?“ angesichts der Ausstellung „1000 FriedensFrauen Weltweit“, aus der einige große Fotos auf den folgenden Seiten stammen. Wir schließen uns der Frage an, tun das mit Staunen und Stolz.
Almuth Voss/Heike Harbecke








