vorwort von schlangenbrut 101: natur
Natur
Alles, was nicht von Menschen geschaffen wurde, ist Natur. So beschreiben zumindest die einschlägigen Lexika den Naturbegriff. Doch „alles“, das ist ziemlich viel! Ganz „natürlich“ kommen dabei Assoziationen wie Ursprünglichkeit, Schöpfung und Lebenskraft auf. Es entstehen Bilder von wilden (Ur)Wäldern, blühenden Kulturlandschaften, Flora und Fauna vor unseren Augen. Aber auch im Zusammenhang mit den Gegenbegriffen Kultur und Zivilisation ergeben sich Gedanken, die sich wie eine Kletterpflanze um Aspekte wie Schützenswürdigkeit, Körperlichkeit und menschliche Wesenseigenschaften ranken. Umso spannender ist es daher für die „Schlangenbrut“, sich in diesem Heft auf neue Pfade ins Dickicht um den Naturbegriff zu begeben und ihn feministisch-religiös erblühen zu lassen.
In der Geistesgeschichte Europas prägte der Dualismus von Natur und Kultur lange Zeit das Verständnis von der „Natur“ des Mannes und der Frau. Regina Ammicht-Quinn ergründet in ihrem einführenden Beitrag den Ursprung der normativen Zuschreibung von „Natürlichkeit“ in Theologie und Anthropologie, die bis heute im „Naturrecht“ die Sexualethik der katholischen Kirche prägt und ein starres Bild der (Zwei)Geschlechtlichkeit produziert.
Auf die Spur feministischer Ansätze in der „Natur-Wissen-schaft“ begibt sich Sigrid Schmitz in ihrem Beitrag. Die Biologin wirft einen Blick auf die Geschichte des Naturbegriffs in Forschung und Technologie und entwirft mit neuen Paradigmen aus der feministisch-naturwissenschaftlichen Debatte ein Gegenbild zu herkömmlichen Vorstellungen.
Mit einem klassischen „Objekt“ der Naturerforschung und –wahrnehmung beschäftigt sich hingegen Gertrude Ernst-Wernecke: den Pflanzen. Wie diese als spirituelle Lehrerinnen unseren Lebensweg nicht nur „am Rande“ verschönern, sondern auch begleiten, zeigt sie in ihrer Meditation über Wurzeln, Knospen, Blätter und Co.
„Was hat Frau- oder Mannsein mit Umwelt und Nachhaltigkeit zu tun?“ Dieser Frage geht Anja Wirsing in ihrem Beitrag nach: Sie stellt das Berliner Projekt genanet vor, das die politische und gesellschaftliche Debatte über Klima- und Umweltfragen aus der Sicht von Frauen „nach-haltig“ beeinflussen will
Dass Natur und Kultur in den postmodernen Cyborgwelten Donna Haraways eine ganz spezielle Symbiose eingehen, ist bekannt. Die Verbindung von Tier und Technik bildet dabei den Schwerpunkt des Artikels von Stefanie Schäfer Bossert, die Haraways „cross species respect“ zwischen Hund und Mensch auf der Spur ist
Die ökofeministische Bewegung hatte in Europa ihren Höhepunkt in den 80er Jahren. Mittlerweile ist es etwas stiller geworden um die Frage, wie die ökologische Krise und die Unterdrückung der Frau zusammenhängen. Wie es dazu kam und welche neuen Antworten aus Schöpfungstheologie und Geschlechterforschung heute zu finden sind, beschreibt Elisabeth Hartlieb.
Als zeitlose Quelle von Kraft und Ruhe gelten heilige Orte und Plätze in der Natur. Alte Kultstätten ziehen auch heute noch BesucherInnen in ihren Bann und erzählen die spirituelle Geschichte der Landschaften und Regionen, in denen sie sich befinden. Erni Kutter kennt die Ausstrahlung solcher Naturheiligtümer und hilft dabei, deren Wirkung durch die „Kraft der Beziehung“ nachzuspüren.
Abschließend widmet sich unser Praxisbeitrag einem „Ökomärchen“ aus Fernost. Vanessa Görtz stellt den japanischen Animationsfilm Prinzessin Mononoke vor und gibt Anregungen zu seinem Einsatz in der Arbeit mit Jugendlichen.
Wir hoffen, Sie haben Lust, sich auf facettenreiche Auseinandersetzungen mit dem Thema „Natur“ einzulassen und wünschen viel Spaß beim Lesen!
Heike Harbecke








