vorwort von schlangenbrut 99: kleidung
Kleidung
Feministinnen können sich heute einfach oder extra-vagant, altmodisch oder hip, schlicht oder farbenfroh kleiden. Sie sind nur selten durch ihre Kleidung als Feministinnen erkennbar – die Zeit der lila Latzhosen und BH-Verbrennungen ist bereits zum Mythos geworden. Aber auch wenn feministische Identität nicht (mehr) durch eine spezifische Kleidung geprägt ist, spielt Kleidung im Leben jeder einzelnen Frau eine bedeutende Rolle, da Kleidung in hohem Maße identitätsstiftend ist.„Kleider machen Leute“ – konkret bedeutet das: Über Kleidung wird ökonomischer Status, Kultur, Religion, unterschiedliche Neigungen und nicht zuletzt das Geschlecht täglich neu in Szene gesetzt. Wenn Simone de Beauvoir betont, dass man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern zur Frau wird, dann spielt Kleidung in diesem Prozess des Zur-Frau-Werdens eine entscheidende Rolle. Welche Bedeutung Kleidung in dieser Inszenierung von Geschlecht und Religion zukommt, inwiefern Kleidung das Frauenbild einer Gesellschaft und Zeit spiegelt, aber auch welche Position Frauen in der Modebranche, von den Näherinnen in Bangladesh bis zu einer Designerin im Rheinland, einnehmen – diesen Fragen wollen wir in unserem Schwerpunkt nach gehen.
„Aus vielen, sehr vielen Gründen sind Frauen immer das von Mode am stärksten betroffene Geschlecht.“ Die philippinische Autorin Roselle Pineda zeigt die vielen Verbindungen von Frauen und Mode auf – aus historischer, psychologischer, gendertheoretischer und ganz persönlicher Sicht. Sie sucht dabei nach Wegen, Konstruktionen von Weiblichkeit und Schönheitsmythen, die durch Mode (und vorwiegend durch Männer) geschaffen werden, aufzubrechen.
Durch Kleidung werden gesellschaftliche Rollen täglich neu in Szene gesetzt, das gilt in besonderer Weise für Jugendliche und ihre Identitätsentwicklung. Karin Mann gibt einen Überblick über den Wandel der Jugendmode im 20. Jahrhundert und einen konkreten Einblick in geschlechtsspezifische „Kleiderordnungen“ aktueller HipHop-Kultur. „Beständig in der Mode bleibt allein ihr Wandel“: Svenja Adelt zeigt in ihrem Beitrag, dass Kleidernormen und Schönheitsmythen immer ein Spiegelbild des Frauenbildes einer bestimmten Gesellschaft und Zeit darstellen. Sie geht dabei der Frauenmode in der Zeit um 1798, 1900 und 1920 nach und zeigt auf, inwiefern Frauenmode und Frauenbilder stets dem Wandel unterworfen sind.
In den Fotos, die diesen Schwerpunkt begleiten, setzt sich die Fotografin Barbara Ködel durch Kleidung immer wieder anders in Szene und führt so bildlich vor Augen, was es bedeutet, dass durch Kleidung Identität geschaffen wird (siehe auch Seite 2).
Nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Religion bzw. Konfession kann durch bestimmte Kleidung ausgedrückt werden. Frauen unterschiedlicher Religionen haben sich der Frage gestellt, welche religiöse Kleidung sie tragen. Eine Muslima, eine evangelische Pfarrerin, eine katholi-sche Ordensfrau und eine Jüdin geben in persönlichen Statements Auskunft über ihre Kleidung, religiöse Kleidungsvorschriften und die ganz persönliche Bedeutung, die diese Kleider für sie haben. Den religiösen und kulturellen (Be)Deutungen von Kleidung in der christlichen Tradition folgt Maaike de Haardt in ihrem Beitrag. Sie zeigt die ambivalente Beziehung zwischen christlicher Religion und Kleidung auf, angefangen von biblischen und asketischen Traditionen bis hin zu der Vorstellung, durch Gott und mit Gott bekleidet zu sein. Der biblischen Tradition wendet sich auch Uta Schmidt zu. Sie zeigt, dass Kleidung schon in den biblischen Texten einen wichtiger Bestandteil alltäglichen Lebens darstellt: Durch sie wird nicht nur menschliche Identität, sondern durch sie werden auch Beziehungen gestiftet. Mit Blick auf Gen 3 fragt die Autorin nach der Verbindung von Scham, Bekleiden und der Kleidung als Gabe Gottes.
„Wer hat die Modemultis ‚gezähmt’?“ Bettina Musiolek stellt vor, wie sich der Kampf um sozial sauber hergestellte Kleidung entwickelt hat, wie daraus die Clean Clothes Campaign entstanden ist und wie sich diese für die Durchsetzung von Arbeitsrechten in der Bekleidungsbranche einsetzt. Unter dem Label „biologisch und fair“ vermarkten Oikocredit und Kuyichi moderne Kleidung – sie stellen in einem weiteren Beitrag ihr Projekt vor.Der großen Zahl an Arbeiterinnen in der Textilindustrie stehen nur wenige Frauen gegenüber, die freiberuflich als Modeschöpferinnen kreativ sind. Almuth Voss spricht mit der Malerin und Designerin Heike Reul über ihre Arbeit, über die Inszenierung ihrer Kleiderkunst auf der Bühne und ihre Inspiration für immer neue Ideen.
Wir hoffen, Sie haben Lust, den vielfältigen Bedeutun-gen von Kleidung mit unseren Autorinnen nachzuspüren und wünschen viel Spaß beim Lesen.
Heike Harbecke/Christina Leiserin








