vorwort von schlangenbrut 97: bekenntnis zum wechsel
Bekenntnis zum Wechsel
Konvertieren, übertreten, eintreten, ein neues Bekenntnis annehmen, ein Glaubenszeugnis ablegen, die Religion wechseln – für das Thema dieses Schwerpunktes gibt es viele verschiedene Formulierungen. Und sehr unterschiedliche Erfahrungen ...
In diesem Heft finden Sie ganz persönliche Berichte über die Wege zu einem neuen, anderen Bekenntnis. Wir haben Frauen gefragt, warum und wie sie konvertiert sind und wie es sich in einer „neuen“ Religion lebt. In sehr unterschiedlicher Weise geben die Autorinnen dieses Heftes ein „Bekenntnis zum Wechsel“ ab, ein Wechsel, der manchmal vor allem eine Änderung der Perspektive bedeutet. Darauf machen gerade auch die Bilder von Irmhild Käding aufmerksam: Ungewohnte Perspektiven, halboffene Türen, neu in den Blick genommene Wege lassen die Betrachterin innehalten und verweisen auf mögliche Veränderung, spätestens nach der nächsten Ecke.
Als konsequente Entscheidung versteht Anna Ikramova ihren Eintritt in die evangelische Kirche. Die Musikerin und Komponistin, die in Moskau aufwuchs, wollte schon früh Bescheid wissen über die christlichen Wurzeln, die sie in der Musik kennen lernte. In Deutschland hatte sie dann häufiger die Orgelvertretung im Gottesdienst. Einige Jahre und etliche Examina später entschied sie sich für die Kirchenmitgliedschaft und den Beruf der Kirchenmusikerin.
Die tiefe Spiritualität des Koran, verbunden mitkonkreten Themen wie Geld, Verträge oder Sexualität, faszinierten Kathrin Klausing so sehr, dass sie sich entschied, Muslima zu werden. Die Kontaktaufnahme zu einer Moschee war dann einfacher als erwartet, irritierend sind jedoch bis heute die Reaktionen nichtmuslimischer Mitmenschen. Dass die Entscheidung für einen neuen religiösen Weg Zeit braucht, um in der Reflexion auch eingeholt zu werden, macht der Brief von Hanna Lauterbach deutlich, die aus Bolivien von ihrem Eintritt in einen Frauenorden erzählt. „Was mich, eine Hexe, hierher gebracht hat“, das zu verstehen, braucht noch Zeit. Und was geschieht, wenn sich plötzlich eine über Jahre gestaute religiöse Orientierungslosigkeit, Verwirrung und Unsicherheit ihren Weg nach außen bahnt? Die Suche nach Heimat und ihrer Identität als religiöser Feministin beschreibt die Islam-Wissenschaftlerin Dorothea G. May in einem persönlichen Bericht. Antworten fand sie auf ihrer Suche in dem Gefühl der emotionalen Zugehörigkeit, das ihr einen Weg zu ihrer eigenen religiösen Identität wies.
Hiltrud Hadassah Geburek fand durch ihre eindrücklichen Begegnungen mit jüdischen Menschen und die tiefe emotionale Spur, die die Erfahrungen mit dem Judentum bei ihr hinterlassen haben, ihre religiösen Wurzeln und entschloss sich, um Aufnahme in das Judentum zu bitten. Was zwei Jahre Jüdischkeit bedeuten, schildert sie in ihrem Beitrag. Während ihres Studiums in England entdeckte Antonia M. Himmel-Agisburg überraschende Parallelen zwischen Gender Studies und christlich-orthodoxer Spiritualität. Die feministische und damals katholische Theologin trat daraufhin in die orthodoxe Kirche ein. Heute bringt sie ihre Erfahrungen in ein orthodoxes Frauen-netzwerk und in den ökumenischen Dialog ein. Der Artikel von Nicole Wolf wirft einen Blick auf Edith Stein als Person, um auf diese Weise die individuelle Identitätssuche sichtbar zu machen. Edith Stein repräsentiert auf ihre eigene Art und Weise den Menschen, der unruhig auf der Suche ist. Dies wird durch die Schilderung der Ernsthaftigkeit ihrer Suche, der Krisenzeit während der Jahre 1917–1921 und ihrer Sehnsucht nach Authentizität erkennbar.
In der evangelischen Kircheneintrittsstelle in Köln zog Almuth Voss Erkundigungen ein, wer diese Einrichtung nutzt und welche Beweggründe die Menschen zum (Wieder)-Eintritt in die Kirche veranlassen. Die Bibliografie von Christina Leisering bietet weitere Literatur zu autobiografischen Texten sowie biblische, religionssoziologische und historische Studien zum Thema dieses Heftes.
Janet Hromadko/Antje Röckemann








