vorwort von schlangenbrut 96: spiel

Spiel

„Als ich die Kinder bekam, merkte ich ja, wie viel Spielfreude immer noch in mir war. Und das ist genau das, was man in den traurigen Zeiten seiner Jugend wissen muss: Es wird wieder schön. Oh, wie haben wir gespielt! Wir gingen zum Karlapark. Dort gab es herrliche Kletterbäume, und wir kletterten und kletterten.“, so Astrid Lindgren in einem Interview.

Spiele bringen Spannung und Freude, das ist ihr ureigenster Charakter. Dass das Spiel mit seinen eigenen Regeln, das so fernab von der Realität zu sein scheint, mehr ist als ein Kinderspiel, ist nicht erst seit Astrid Lindgren klar. Spielen gilt als eines der ersten Kulturphänomene, schreibt Marion Keuchen in diesem Heft mit Bezug auf den Historiker Johan Huizinga: Nach dessen Definitionen bedeutet jedes Spiel etwas und es heißt, dass menschliche Kultur im Spiel entstehe.
Spiel ist und bleibt etwas Faszinierendes: Es ermöglicht Leichtigkeit und Erholung von der Ernsthaftigkeit, es eröffnet neue Räume und kreative Möglichkeiten und ist dabei aber immer wieder auch eine ganz ernste Sache. Dem Facettenreichtum des Themas möchten wir uns in diesem Heft mit unterschiedlichsten Beiträgen annähern: Es geht um die Spiele der Geschlechter und darum, wie sich spielerisch Politik machen lässt.
Wie spielerisch geht es zu, wenn Frauen tanzen, wenn Frauen im Sport aktiv sind – auch das sind Fragen, denen sich diese Ausgabe widmet. Ebenso soll ein Augemerk den kindlichen Spielen gelten, denn zuallerst eröffnen sich in der Kindheit entscheidende Spiel-Räume. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Perspektive auf biblische Aspekte des Themas.

Wie Spiel und Spielen in der Bibel vorkommen, führt uns der erste Beitrag in diesem Heft vor Augen. Marion Keuchen zeigt, in welcher Weise Kinderbibeln spielende Kinder und Tiere präsentieren. Unter der Fragestellung „Wer spielt was, wo und mit wem?“ entwickelt sie eine genderspezifische Perspektive auf die Gestaltung des Spielens in Kinderbibeln.

Welche Unterschiede im Spiel von Mädchen und Jungen heute prägend sind, untersucht Stefanie Rieger-Goertz in ihrem Artikel. Um nicht in klassische Geschlechterfallen zu tappen, bedürfe es einer professionellen Genderkompetenz der pädagogischen Fachkräfte. Die Autorin plädiert für eine geschlechtergerechte Pädagogik, deren Ziel es ist, Jungen und Mädchen in ihrer Entwicklung angemessen zu begleiten.

Dem Spiel mit Geschlechterbildern widmet sich der Beitrag von Andrea Günter, die das Spielen als ein wichtiges Thema feministischer Politik benennt. Die Autorin bezieht sich dabei auf Luce Irigaray, die „die ambivalente Bedeutung des Spielens von Frauen als Möglichkeit der Veränderung in die feministische Diskussion“ eingebracht habe. Irigaray diskutiert zum einen die Hysterie als eine Artikulationsweise, in der Frauen sich wie in einem Spiel verhielten. Zum anderen geht es um den Spielcharakter der Mimesis, die darin besteht, dass Menschen Menschliches nachahmen und dabei sich selbst zum Spiegel werden.

Spielerisch gibt sich die Philosophie von Beatrice Preciado, wenn sie dazu auffordert, mit Geschlechterrollen zu spielen, und Männlichkeit performativ zu konstruieren. Es geht jedoch um mehr als um ein harmloses Spiel: Stefanie Schäfer Bossert zeigt in ihrem Beitrag auf, wie Preciado Räume für politisches Experimentieren öffnet und darin feministische Positionen weiterentwickeln will.

Selbstvergessen zu spielen, zu improvisieren, Neues auszuprobieren – Gabriela Jüttner erläutert im Gespräch mit Antje Röckemann, dass Tanzimprovisation eine geeignete „Spielform“ für Erwachsene ist, die ihnen ermöglicht, die eigenen kreativen Seiten im Tanz auszuleben.

Während der Großteil der Jungen auch heute noch quasi „mit dem Ball am Fuß“ aufwächst, spielen Fußball und andere Sportspiele immer noch eine untergeordnete Rolle im Alltag von Mädchen – so die Analyse Claudia Kugelmanns in ihrem Beitrag. Sie zeigt auf, wie Mädchen und Frauen im Sportspiel „Empowerment“ erfahren können und welche pädagogischen Veränderungen notwendig sind, damit sie mit Spaß ihr Spiel spielen können.

Von der Weisheit heißt es im biblischen Buch der Sprüche, sie sei eine „Spielende vor seinem Angesicht“. Wie der alttestamentliche Text das Spiel der Weisheit, ihre uranfängliche Freude und ihr zuversichtliches Lachen entfaltet, zeigt der Artikel von Katrin Brockmöller.

Fotos der spielfreudigen Clownin Olivia Ricken begleiten diese Texte. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und dass Sie wie Astrid Lindgren das Spielen noch einmal neu entdecken!

Heike Harbecke

Frei Leben ohne Gewalt Online-Magazin für Frauen Frauenmahl - Tischreden zur Zukunft von Religion und Kirche http://gleichgueltig.info Schwabenverlag Koesel-Verlag Frauenbuchladen Thalestris
Hier könnte Ihr Logo stehen!
Setzen Sie sich mit anzeigen@schlangenbrut.de
in Verbindung.